Vortrag von Rotarier Klaus Thalheim
Fest-Vortrag für den RC Schwalmstadt anlässlich der 30jährigen Charterfeier am 11.November 2004
Herr Präsident, sehr verehrte Damen, werte Gäste, liebe rotarische Freunde,
mit einem Zitat von Alexander Solschenizyn beginne ich meine Ausführungen.
Abendläuten
Schon immer waren die Menschen selbstsüchtig und oft wenig gut,
aber wenn das Abendläuten erklang,
schwebte es über den Feldern, über dem Wald
und es mahnte die unbedeutenden, irdischen Dinge abzulegen,
Zeit und Gedanken der Ewigkeit zu widmen.
Vorbemerkung:
Meine Ausführungen sind nicht chronologisch sondern thematisch strukturiert.
Meine Informationen stammen aus Büchern, Museumsbesuchen und Reisen.
Ich habe viele Glocken gesehen, gehört und besonders in asiatischen Ländern bestaunt. Einem feierlichen Glockenguß konnte ich im Kloster Maria Lach beiwohnen.
Einleitende Übersicht
Glocken sind faszinierende Musikinstrumente. Ihre Bedeutung, vor allem für das Christentum, ließ sie aus Kriegen und Revolutionen immer wieder gestärkt hervorgehen. Glocken, Glockengeläut und Glockenspiele erfreuen wie in der Vergangenheit, so auch die heutigen Menschen mit ihrem Klang. Eine Fülle von Glockenbräuchen reicht aus vergangenen Zeiten bis in die Kultur der Gegenwart hinüber. Die Geschichte der Glocken berührt täglich viele Menschen, doch nur wenige kennen ihre Einzelheiten und die Bedeutung ihrer Symbole für das gegenwärtige Leben. 4000 Jahre hat die Glocke fast unbeschadet überstanden, allerdings unterliegt die Beliebtheit von Glocken auch großen Schwankungen. In den Jahren um 1968 hat der Glockenguss in Deutschland erheblich abgenommen.
In den letzten Jahren ist jedoch wieder eine zaghafte Renaissance zu verzeichnen. In den Städten und Dörfern wächst eine erfreuliche Bereitschaft, für die Beschaffung oder Verschönerung von Geläuten erstaunliche persönliche Opfer zu bringen. ( ich kenne einige Rotarier, die Beispielhaftes planen ) In dieser Geste kommt Dankbarkeit, Verantwortungsgefühl, Gemeinsinn und Freude zum Ausdruck
Geschichte:
Es gab lange vor dem Christentum Glocken; und es gab das Christum lange, ohne Glocken. Überall dort wo der Mensch die Metallverarbeitung gelernt hat, finden sich Glocken und Glöckchen. Die Magie der unheilabwendenden Kräfte hat die rasche Ausbreitung begünstigt.
Die Ursprünge der Glocken sind in Asien zu suchen. China besaß sowohl eine vollendete Kunst der Gießtechnik, als auch der künstlerischen Formgebung. Über die Wege der Völkerwanderungen und Kulturströmungen sind die Glocken nach Westen und in unseren Raum gelangt. Im achten
Jahrhundert vor Christus finden wir im Hochland von Armenien (Glockenmuseum in Apolda ) frühe Klöppelglocken, die dann den Weg nach Ägypten fanden und von dort aus den Mittelmeerraum erobert haben. Bereits 700 vor Christus waren sie den Etruskern bekannt. Im etruskischen Ausgrabungsfeld nahe Elche in Spanien, welches ich mit einem rotarischen Freund durchstreift habe, fand man nicht nur die berühmte Büste der Dame von Elche, sondern auch Darstellungen von Glöckchen, die im etruskischen Museum der Stadt zu sehen sind. Sie erfreuten die Menschen als Schmuck oder Amulett, als Erkennungszeichen oder sie waren gar nützlich als Abschreckung. Die Signalfunktion ist für die Zukunft besonders wichtig geworden; Im griechisch-römischen Raum waren Glockenzeichen für öffentliche, militärische und häusliche Zwecke selbstverständlicher Brauch. Der römische Chronist Strabon berichtet wie die Zuschauer einer Theateraufführung plötzlich alle nach draußen stürzten als eine Glocke die Ankunft frischen Fisches verkündete. Nur einer blieb zurück, er war taub.
Das Alte Testament kennt und nennt etwa zwanzig Musikinstrumente, von denen die meisten sicher im Kult verwendet wurden; Glocken gehörten jedoch nicht dazu. Das Christentum stand zunächst den Glocken sehr ablehnend gegenüber. Diese Distanz zur Glocke spricht aus den Worten des Apostels Paulus; „ Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke“. Auch die Kirchenschriftsteller haben die Glocken abgelehnt wegen ihres ekstatischen Gebrauchs und ihrer magischen Verwendung. Später änderte sich diese Haltung. Dies führt schließlich dazu, dass die Glocken ein Symbol der Verkündung des Evangeliums durch die Apostel werden. Die Namen der Evangelisten wurden sogar eine der beliebtesten Glockeninschriften des Mittelalters.Damit war der Weg geebnet, der diesem zunächst (wie oben schon erwähnt) als heidnisch geltenden Kultgerät einen Zugang auch in die christlichen Kirchen möglich machte. Die Kirche hat dabei an die Verwendung der Glocke als eines Rufzeichens angeknüpft. Ein solches weithin hörbares Signal setzt jedenfalls eine christliche Umwelt voraus oder zumindest eine Umwelt, die den Christen nicht feindlich gegenüber steht. Das Mönchtum hat eine entscheidende Rolle bei der Übernahme der Glocken durch das Christentum gespielt. Die ideale Mönchsgestalt, der heilige Antonius, erhielt allmählich als Attribut bei der bildlichen Darstellung neben dem Kreuz eine Glocke. Bereits seit 461 gehören Stab, Buch und Glocke zum irischen Wandermönch und Prediger. Von Irland und Schottland führt der Weg der Glocke über England nach Deutschland. Bonifacius schrieb 744 an seinen Abt: „ Wenn du mir eine Glocke sendest, so lässt du meinem Wanderleben eine große Freude zukommen.“ Der starke irische Einfluss in der Geschichte der Glocken kommt auch dadurch zum Ausdruck, dass der Ire Forckernus zum Schutzpatron der Glockengießer wurde.
Als im Jahre 615 die burgundische Stadt Sens belagert wurde, ließ der Bischof Lupus alle Glocken der Stephanskirche läuten, was die Feinde so in Schrecken versetzte, dass sie flohen. Da die Mönche die Glocken später in ihrem Gottesdienst und innerhalb ihres Hauses gerne verwendet haben, ist es nicht verwunderlich, dass auch die Kunst des Glockengießens in den Klöstern gepflegt wurde. Aus dem Kloster Cluny ist bekannt, wie dort mit der genau geregelten Aufeinanderfolge von kleinen und großen Glocken die Weihnachtsmette eingeläutet wurde. Neben dem Mönchtum entstehen die Bettelorden, die ihre Klöster nicht mehr in der ländlichen Umgebung, sondern innerhalb der Städte gründen. Damit verlieren auch die Abteien ihre bevorzugte Stellung in der Kunst des Glockengießens. Wir finden nun auch Glockengießer aus bürgerlichem Stand in den Städten. Zudem werden in dieser Zeit die Glocken größer als bisher. Das 13. Jahrhundert ist ein erster Höhepunkt in der Glockengießerkunst. Aus dem Jahr 1258 stammt die „Hosanna“ Glocke des Freiburger Münsters, eine der ältesten Glocken Deutschlands. Einen weiteren Höhepunkt erlebt diese Kunst sodann gegen Ende des 15. und zu Beginn des 16. Jahrhunderts. Besonders berühmt war in dieser Zeit die holländische Glockengießerfamilie van Wou, von deren Glocken viele bis heute erhalten geblieben sind, z.B. die „Maria gloriosa“ in Erfurt aus dem Jahr 1497. Nach einer Reparatur erfreut sie seit einigen Monaten wieder die Menschen.
Die soziale Stellung des Glockengießers erfuhr im 15. Jahrhundert eine tiefgreifende Umgestaltung durch die Einführung der Kanonen im Kriegswesen. Auch die Kanonen wurden wie die Glocken gegossen und so wurden die Glockengießer auch Kanonengießer. Im 15. Jahrhundert findet sich der Brauch, dass die Glocken einer gefallenen Stadt der Artillerie des Belagerers übergeben werden mussten. Doch auch die Umkehrung konnte geschehen: Im Jahr 1711 schenkte Kaiser Joseph I. dem Stephansdom in Wien eine Riesenglocke im Gewicht von rund 325 Zentnern, die aus 180 eroberten türkischen Kanonen gegossen worden war. Die Vielzahl der Kirchen und Klöster in den Städten, die nun alle Glocken besaßen, ergab praktische Fragen. Das Geläute einer abgelegenen Abtei auf dem Land konnte ungestört allein erklingen; in der Stadt jedoch sollte es des Läutens manchmal zuviel werden. So wurde den Bettelordenskirchen oft nur eine einzige Glocke gestattet. Auch gab es Streitigkeiten, wer etwa zuerst zum Morgenoffizium läuten durfte. Eine zeitgenössische Entscheidung darüber lautete: „ Qui primo surgeret, primo pulsare debet“ „ wer zuerst aufsteht, der darf auch zuerst läuten. Auch zwischen den Abteien kam es zu Auseinandersetzungen wegen der Glocken. Im Verlauf des 16. Jahrhunderts, in den Jahrzehnten der Reformation und Gegenreformation, wurden die Glocken auch Gegenstand der Auseinandersetzung zwischen den Konfessionen. Ein Streitpunkt war die Übung der Glockenweihe, die für die reformatorischen Christen nicht annehmbar war. Bei Glocken für protestantische Kirchen wurde deshalb statt der Glockeweihe eine Glockenpredigt gehalten. Auch manche Glockeninschriften auf evangelischen Glocken sind Zeugnis solcher gegensätzlicher Auffassungen, etwa wenn es heißt: „fulgura non frango“„ ich breche keine Blitze“,--
Der 30 jährige Krieg mit seinen Zerstörungen hat auch viele Glocken vernichtet; er hat überdies an vielen Orten die Tradition des Glockengießens abreißen lassen, so dass Glocken aus der Barockzeit sich mehr durch Größe und Zier als durch Klang auszeichnen. Aus der Folgezeit stammt auch die größte Glocke der Welt; 1732 wurde in Moskau der „ Glockenkaiser“ mit einem Gewicht von 200 Tonnen und einem Durchmesser von 6,10 Metern gegossen. Die Glocke erklang freilich nie, da sie beim Aufhängen abstürzte. Sie liegt im Kremlinnenhof; ein großes Dreieck ist herausgebrochen. Unsere Führerin, anlässlich einer Stadtbesichtigung, erwähnte als besonderes Detail, dass selbst der Kirchenfeind Stalin diese Glocke nicht entfernen ließ.
Nachdem im ersten Weltkrieg fast die Hälfte der deutschen Glocken eingeschmolzen worden war, wurden im zweiten Weltkrieg nochmals 42000 Stück auf dem Hamburger Glockenfriedhof zerstört und zu Kriegsgerät umgeschmolzen. Glockenbronze besteht zu 78 % aus Kupfer und zu 22 % aus Zinn.
Glockensymbolik:
Etwa im 13. Jahrhundert haben die Franziskaner mit dem Angelusläuten ( Gebetsläuten ) begonnen. Sie gaben abends drei Läutezeichen, die von den Gläubigen mit drei Ave Maria beantwortet wurden.
Dieses Läuten hat sich dann im 14. Jahrhundert auf den Mittag und den Morgen erweitert. Das Abendläuten wurde mit dem Gedächtnis an die Menschwerdung Jesu, verbunden; beim Mittagsläuten gedachte man seiner Todesnot und beim Morgenläuten seiner Auferstehung. Weitere Bedeutungen kamen hinzu; so machte Papst Calixt III. 1455 das mittägliche Läuten zu einem Türkenläuten, das zum Gebet aller Christen gegen die drohende Türkengefahr aufrufen sollte.
Beim heutigen dreimaligen Läuten morgens, mittags und abends wird nur noch der Verkündigung und Menschwerdung des Herrn gedacht. In Zeiten der Bedrängnis gab es das Pro pace Läuten, wobei beim Friedensgebet der Messe ein Glockenzeichen gegeben wurde, damit auch diejenigen, die nicht am Gottesdienst teilnahmen, sich der Bitte um Frieden anschließen konnten.
Profane Anwendungen:
Wie seit den ältesten Zeiten dienten auch im Mittelalter die Glocken nicht nur kultischen, sondern in reichem Maß zugleich profanen Zwecken.
Der heilige Benedikt beschreibt wie er in seiner Anfangszeit als Eremit von einem Mönch der Nachbarschaft mit Essen versorgt wurde und ihm dieses in seiner Höhle mit einem Glöckchen kund getan wurde. Im Jahre 1219 haben die Kreuzfahrer, um den Nil zu blockieren, zwischen Stöcke gespannte Schnüre mit Glocken behängt, die sie bei Tag und Nacht auf jede Bewegung aufmerksam machen sollten. Eine andere profane Anwendung finden wir beim Herdengeläut der Weidetiere.
Rathäuser hatten oft Türme oder Dachreiter, von den Glocken erklangen. So rief die Ratsglocke den Magistrat zu seinen Sitzungen, die Zinsglocke zeigte den Termin für die Steuerzahlung an und die Bierglocke den Beginn des Ausschanks. Die Armesünderglocke begleitete den Delinquenten zur Hinrichtung, und die Sturmglocke erklang, wenn ein Unwetter oder eine Feuersbrunst drohte oder wenn ein Feind heranrückte. Der Tod eines Menschen wurde den Mitbürgern durch die Sterbeglocke angezeigt.
In den 50ger Jahren läuteten in Eschwege alle Glocken, als die spät heimkehrenden Kriegsgefangenen, die Adenauer in Russland verbal frei gekämpft hatte, durch den Ort in das Aufnahmelager Friedland fuhren.
Gerade bei den letzten Beispielen wird deutlich, dass die Übergänge fließend sind.
In unserem täglichen Leben begegnen wir
- dem Glockenspiel im urbanen Bereich. (Ein Glockenspiel schenkt dem Tag einen unbeschwerten Rhythmus, bietet Raum für fröhliche Besinnung und stimuliert die Seele der Zuhörenden.)
- der rotarischen Glocke, die uns zu anregenden Gesprächen und einem stillen persönlichen Tischgebet ruft und uns mit zaghaftem oder kräftigen Schlag, je nach Gemütsverfassung des Präsidenten, am Ende des Meetings, in das Wochenende entlässt
- der Freiheitsglocke in Berlin, die uns die Amerikaner als Kopie ihrer „Bell of Liberty“ schenkten. Ich konnte sie im Original in ihrem einfachen Bodengestell in Philadelphia sehen. Die Liberty Bell ist ein nationaler Schatz und ein weltweites Symbol für Freiheit. Sie erklang erstmalig als die Unabhängigkeitserklärung am 4. Juli 1776 verlesen wurde. Leider hat sie seit 1846 einen Riß. Deshalb wurde sie am Ende des zweiten Weltkrieges nur mit einem Lederhammer siebenmal, der Anzahl der Buchstaben des Wortes Liberty entsprechend, angeschlagen.
- der Tischglocke im privaten Heim, wenn wir mit Freunden speisen,
- der Schiffsglocke, die symbolträchtig das Schiff repräsentiert und amtlich, auch heute noch, als Nebelsignal vorgeschrieben ist.
- der Lloydsglocke, einer großen Glocke in der Halle der Lloyds Versicherung in London, die jedes Mal angeschlagen wird, wenn ein Schiff auf den Weltmeeren untergegangen ist.
- der Parlamentsglocke, die die Abgeordneten zu Ruhe und löblichem Tun (wie es so schön in dem Studentenlied „ergo bibamus“ heißt) ermahnen soll, wozu sie sich auch verpflichtet haben, dies aber immer wieder vergessen
- der Towerglocke Big Ben in London
- den Glocken in den, Vereinen, Gerichten und Theatern.
Schiller nimmt sich 1799 in seinem „Lied von der Glocke“ in besonderem Maße dieses geliebten, verachteten, gepriesenen, geschätzten, verehrten, bewunderten, besungenen und gefürchteten Musikinstrumentes an.Um Sie nicht mit dem gesamten Gedicht vom Genuß des nahenden Essens länger abzuhalten soll nur der erste Vers an das großartige Werk des deutschen Dichters erinnern und Anregung für Sie sein, in einer besinnlichen Stunde, die Zeilen mal wieder auf sich wirken zu lassen.
Festgemauert in der Erden
steht die Form, aus Lehm gebrannt.
Heute muß die Glocke werden,
frisch, Gesellen, seid zur Hand.
von der Stirne heiß
rinnen muß der Schweiß,
soll das Werk den Meister loben,
doch der Segen kommt von oben.
Sie planen, anlässlich Ihres 30. Geburtstages, in einer noblen Gemeindienstgeste die Verbundenheit der hiesigen Rotarier mit Ihrer Stadt zu bezeugen und ein Glockenspiel den Bewohnern zu schenken. Damit setzen Sie auch ein markantes, wohlklingendes und langlebiges Zeichen zum 100 jährigen Bestehen von Rotary International im Jahre 2005. Ein Glockenspiel hat für mich die gleiche Beziehung zur Glocke, wie die Operette zur Oper. Die menschenverbindende Heiterkeit des Glockenspieles paart sich mit der Würde und geschichtsträchtigen Erhabenheit der Glocke. Gemäß Ihres Mottos: „Wir feiern 30. Geburtstag und blicken nach vorn“, möchte ich formulieren: Das Alte zu pflegen und Neues zu schaffen, ist eine bleibende Aufgabe; und dies gilt auch für die 4000 Jahre alten Musikinstrumente.
Die Geschichte der Glocken ist noch nicht zu Ende;
aber -----------meine Ausführungen sind es.
Literaturverzeichnis:
Beratungsausschuß für das deutsche Glockenwesen mehrere Jahrgänge
Beiträge zur Glockenkunde Jahrgang 1882
Handbuch der Glockenkunde Jahrgang 1957
Denkschrift über den Glockenverlust im Kriege Jahrgang 1952
Aus Erfurts Glockenstuben Jahrgang 1979
Broschüren aus den Glockenmuseen in Apolda und Laucha
Internet